NAURU

Aufstieg und Zerfall der Insel Nauru. Eine szenische Vernehmung

Ausstellung

Henrik-Wergelands-Straße 26, Kristiansand
Veranstaltet in Zusammenarbeit mit Kristiansand Kunsthall

15.08. – 10.09.2015, Fenster
02.09. – 10.09.2015, Raum

Im Zentrum von Kristiansand sind viele Läden stillgelegt. Die meisten Menschen kaufen lieber in den großen Shopping Malls außerhalb der Stadt ein. Das Eckgebäude hat viele Fenster zur Straße. Diese sind mit Karten, Bilder und Ausschnitten der norwegischen Medienberichte über Nauru tapetziert. Man kann eine Reportage-Serie aus der lokalen Zeitung Fædrelandsvennen über die Tampa-Ereignisse 2001 lesen – wie an einer Wandzeitung.

Es könnte eine Unterkunft für Flüchtlinge sein. In einer Ecke eine audiovisuelle Station. Auf einem Monitor Bilder aus Nauru, daneben zwei Telefone. Man hört die Stimme von einem der Flüchtlinge, der auf Nauru interniert war, und Henrik Rafaelsen liest aus „Paradise Lost“ von John Milton.

Installation: Robert Lippok,Tone Avenstroup
Grafisches Design: Ariane Sept

Performance

Ein Mann aus Afghanistan beantragt eine Aufenthaltserlaubnis in Norwegen. Er kommt aus dem Irak, aber nicht direkt; Norwegen ist nicht sein erster Zufluchtsort. Er, genannt HA, wollte nach Australien. 2001 reist er mit einem kleinen Fischkutter von einen Hafen in Indonesien ab, zusammen mit über 400 anderen Menschen. In der Nähe von Christmas Island erleiden sie Schiffbruch, aber ein norwegischer Frachter, MS Tampa, rettet sie vor dem Ertrinken. Die konservative Regierung in Australien möchte keine Flüchtlinge auf ihrem Boden, sondern interniert sie an einem anderen Ort: auf Nauru. Ein verlorenes Paradies. Einst das reichste Land der Welt, nun ein ödes Brachland.

HA war fünf Jahre auf Nauru. Was kann er von der Insel erzählen? Warum kommt er nach Norwgen und was hat er dort zu suchen? Zwei Kommissare versuchen HA zum Reden zu bringen.

01.09.2015, Premiere, stillgelegter Laden, Kristiansand
04., 06., 08., 09.09.2015, weitere Aufführungen
03., 04., 07., 08., 09.09.2015: Schulaufführungen
In Zusammenarbeit mit Den kulturelle skolesekken

13.09.2015, Ljosheim, Dale, Teaterfestivalen i Fjaler

11.12.2016 (Auszüge), Acker Stadt Palast, Berlin.

Der Text ist in Form einer Vernehmung geschrieben und wird als Videoübertragung inszeniert. Die Videos sind in Oslo und am Åsgård-Strand aufgenommen. HA wird von Henrik Rafaelsen gespielt, Ariane Sept hat die Rolle von HU. Als Kommissare hören wir Tone Avenstroup und Ingvild Holm, die Stimme des Protokollführers wird von Finn Iunker gelesen. In der Aufführung geht Avenstroup in Dialog mit den Video- und Tonaufnahmen, sowie der Musik von Robert Lippok. Wechselnd zwischen der Position als Synchronleserin und Dozentin vermittelt sie Geschichten von der Insel, die das weiße Gold besaß.

Text: Tone Avenstroup
Musik: Robert Lippok
Im Video: Henrik Rafaelsen, Ariane Sept, Tone Avenstroup, Mohammed Sagar
Live: Tone Avenstroup, Robert Lippok
Stimmen: Henrik Rafaelsen, Finn Iunker, Tone Avenstroup, Ingvild Holm
Kostüme: Eva Carbó Trill

Produktion: Tone Avenstroup, Kristian Mosvold / Substans Film AS
Unterstützt von: Arts Council Norway, Stiftelsen Fritt Ord, Theaterhaus Mitte Berlin, Kristiansand Kommune Kulturkontoret, Vest-Agder Fylkeskommune, Den kulturelle skolesekken

Vielen Dank an Luc Folliet, der seine Fotos und Video-Aufnahmen von Nauru (2005) zur Verfügung gestellt hat. Er ist auch unsere Hauptquelle: Luc Folliet. Nauru – die verwüstete Insel – Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte. Klaus Wagenbach Verlag, 2011.

Vortrag

05.09.2015, Gespräch mit Luc Folliet
Unterstützt von Stiftelsen Fritt Ord

Video


Dokumentation vom 08.09.2015, Kristiansand
Kamera und Schnitt: Thomas Martius

Aufstieg und Zerfall einer kleinen Insel im Pazifik

Die Insel Nauru war reich an Nauruit, das weiße Gold, genauer gesagt Vogelkot, der zu Phosphat geworden ist und als Dünger verkauft wird. Die Gewinnung des Rohstoffes brachte Nauru Wohlstand. Nachdem das Land 1968 die Unabhängigkeit errang, profitierte die Bevölkerung von den Einnahmen. In den 1970er Jahren war das Bruttoinlandsprodukt der Insulaner dreimal so hoch wie in den USA. Niemand musste arbeiten. Gesundheitssystem, Strom, Schule, Ausbildung und Reinigung waren kostenlos. Eine Familie konnte sich drei bis vier Autos leisten und auf den 40 km langen Straßen der winzigen Insel fahren. Sie ließen sich zwei bis dreimal am Tag Pizza liefern, die Kinder wurden von Haushälterinnen betreut. Der reiche Staat sorgte dafür, dass die Einwohner sich um nichts kümmern brauchten, sie lebten sorglos dahin. Man nannte die Insel „Naurutopia“.

Das tropische Paradies wurde zerstört. Das Innere der Insel gleicht einem Krater, die abgebauten Felder einer Mondlandschaft, mehr als 80 Prozent der Insel sind verödet. Die Landwirtschaft wurde stillgelegt, Versorgung und Güter von außen eingeführt, Salat mit Jets aus Australien eingeflogen. Krankenhaus und die Regierungsgebäude befanden sich in Melbourne, mehr als viertausend Kilometer entfernt. Der Hafen wurde nicht instand gehalten, „Pleasant Island“ ein Brachland.

Der Konsum geriet außer Kontrolle, sowohl der staatliche als auch der private. Als die Phosphatvorkommen nahezu erschöpft waren, wurde Geld geborgt. Löhne konnten nicht mehr ausgezahlt werden, die Schulen mussten schließen, dem Land fehlte ein Krankenhaus. Die Fluggesellschaft ging pleite, die Bevölkerung erhielt sporadische Lieferungen mit Lebensmitteln. Um den Verbrauch aufrecht zu halten, versuchte die Regierung alles zu verkaufen, was verkauft werden konnte, z. B. falsche Pässe. Die Insel kam auf die Liste der Schurkenstaaten und stand im Verdacht, Verbindungen zur russischen Mafia und zu Al-Qaida zu unterhalten. Eine Weile blühte in Nauru ein Steuerparadies, aber Ende der 1990er musste die Bank of Nauru schließen. 2004 wurde der Staat für bankrott erklärt.

Eine neue Geldquelle ergab sich aus dem Landverkauf an Australien. Nach einer Vereinbarung, „The Pacific Solution“, wurden Flüchtlinge, die Australien nicht aufnehmen wollten, auf der Insel interniert. In der abgebauten Karst-Landschaft wurden Zeltlager errichtet. 2001 kamen die ersten Bootsflüchtlinge, geborgen von der MS Tampa, einem norwegischen Frachter. Einer der Flüchtlinge, Mohammed Sagar, wurde fünf Jahre interniert, heute lebt er in Schweden. 2012 gelangten die Proteste der Lagerinsassen an die Öffentlichkeit. Die Bilder aus Nauru gingen um die Welt. Um negative Berichterstattung zu vermeiden, wurden Einreisevisa fast unbezahlbar. Eine Weile dachte man daran, die Brache als Endlager für radioaktiven Abfall zu nutzen.

Der Phosphatexport katapultierte Nauru in die Kapitalismusära. Die Gewinne des Ausverkaufs wurden verschleudert. Die großen Investitionen, Immobilien- und Aktienverkäufe des nationalen Fonds NPRT in Australien, den USA und den Nachbarstaaten erwiesen sich überwiegend als Fehlinvestitionen. Korruption, schlechte Beratung und Spekulation verschlechterten die Situation. Dramatisch waren auch die Veränderungen in Kultur und Bevölkerung. Sie spiegeln sich in ihren Gewohnheiten und Körpern: über 70 Prozent sind übergewichtig, jeder Dritte leidet an Diabetes. Manche haben die einfachen, täglichen Tätigkeiten verlernt, wie Kochen oder Kinder betreuen. Wrackteile, Schrott, Leergut, unbrauchbare Autos und kaputte Maschinen liegen herum, die Gebäude verfallen. Die Menschen versuchen sich fit zu halten, beim Joggen auf der stillgelegten Fluglandebahn.

Nauru ragt nicht hoch, die ökologische Bedrohung, die viele der Pazifikinseln betrifft, gilt auch für Nauru. Die Insel könnte in einer Flutwelle untergehen. Auf internationalen Klimakonferenzen fordern Politiker der Insel Maßnahmen, welche den ökologischen Wandel aufhalten. Aber ein Förderstopp der Phosphatgewinnung steht nicht auf ihrer Agenda. 2006 begann der Abbau der zweiten, tiefer liegenden Phosphatschicht. Gerade wurden Manganknollen in 1000 Meter Tiefe unter dem Meer entdeckt, sozusagen an der Wurzel der Insel, die Rechte eines eventuellen Abbaus hat sich Nauru gesichert. Man möchte den Niedergang hinausschieben, die Konsequenzen verlagern – auf die nächste Generation?

Die Insel ist klein und die Veränderungen radikal, sie wurden viel in den Medien besprochen. Der französische Journalist Luc Folliet hat ein Buch darüber geschrieben, „Nauru, l’île dévastée. Comment la civilisation capitaliste a anéanti le pays le plus riche du monde“, es wurde 2009 publiziert, kurz nach dem Finanzcrash 2008. Er schreibt: „Die Geschichte Naurus könnte frei erfunden sein, wie ein Gleichnis oder eine Fabel. Leider ist dem nicht so.“ Mehrere Reportagen über Nauru tragen den Titel „Paradise Lost“.

Konsequenzen des Überverbrauchs und des Raubbaus von Rohstoffe sind deutlich auf Nauru: eine Insel, die sich buchstäblich untergräbt. Die kulturellen Änderungen eines Landes vom Geld überflutet, sind sichtbar. Seine Geschichte zeigt die Zerstörung durch Geld. Für Norwegen, mit seinem schwarzen Gold, dem Öl, ist Nauru eine Warnung.

Rezension

Scenekunst.no, 11.09.15.